Vorneweg

Nimm Dir ein paar Minuten Zeit, setzt Dich bequem, zünde eine Kerze an. Leg, wenn Du magst, Deine Bibel bereit, falls Du den Bibeltext nicht in digitaler Form lesen willst.

Vielleicht bist Du es nicht gewohnt, Dich zu bekreuzigen, und magst es für Dich bei der Eröffnung der Andacht und beim Segen versuchen. Mir hilft das Bekreuzigen, weil für mich spürbarer wird, dass ich mit Christus mit Seele, Geist und Leib verbunden bin.

Für diese Andacht habe ich Lieder vom „Monatslied“-Projekt der Nordkirche zum Anhören und gerne auch Mitsingen ausgewählt.

Andacht am Sonntag Judica zu Hebr 13,12-14

Eröffnung

Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Einladung zum Gebet

Gott,

ich bitte Dich heute, nur für heute, um Deine Kraft, von der es heißt, dass sie in den Schwachen mächtig sei. Kraft für mich selbst. Kraft für meine Mitmenschen. Kraft aus dem Glauben und Kraft zum Glauben.

Lass mich Dein sein und bleiben, heute, morgen, solange ich lebe, und dann bei Dir.

Auf Dich lade ich mein ganzes kleines Vertrauen, auf Dich, der Du Liebe bist.

Amen

 

Lied zum Anhören: Werde Liebe

Ich bin laut und ich bin leise. Ich bin bunt und ich bin grau. Ich bin rund und ich bin eckig. Ich bin ich, das ist gut.
Ich bin schnell und ich bin langsam. Ich bin leicht und ich bin schwer. Ich bin viel und ich bin wenig. Ich bin ich, das ist gut, das ist gut.
Was ich werde ist wichtig. Was ich werde ist wichtig. Was ich werde ist wichtig. Werde Liebe, einfach Liebe.
Ich bin Glut und ich bin Wasser. Ich bin an und ich bin aus. Ich bin Salz und ich bin Zucker. Ich bin ich, das ist gut.
Ich bin stark und ich bin süchtig. Ich bin wild und ich bin sanft. Ich bin alles und ein bisschen. Ich bin ich, das ist gut, das ist gut.
Was ich werde ist wichtig. Was ich werde ist wichtig. Was ich werde ist wichtig. Werde Liebe, einfach Liebe.
 

Biblische Lesung: Hebräer 13,12-14

12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. 14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Bildbetrachtung: Otto Pankok, Die Kreuztragung

Die Passion in 60 Bildern. Otto Pankok hat diesen Zyklus in den Jahren 1933/34 geschaffen, oder, wie er selbst schreibt, „aus der Not der Zeit geboren“. Kunst, so war Pankoks Überzeugung, muss zur Wirklichkeit Stellung nehmen, Stellung nehmen „im Kampf gegen alles das, was das Leben gemein, sinnlos und eng macht.“ Christus ist für Pankok das Urthema der Menschheit, keine weit von uns abgerückte Legende, sondern in allem ungeheuer und erschütternd.

So wird die Passion Christi zum Schauplatz eines Menschheitsdramas, das den Terror und die Verzweiflung der eigenen Gegenwart widerspiegelt. Dem heutigen Bibeltext stelle ich das Bild „Die Kreuztragung“ zur Seite (das 44. Bild im Zyklus).

Christus ist gebunden. Er wird wie ein störrischer Esel oder ein unfolgsamer Hund an einem Strick gezogen. Sechs Personen sind an der Szene beteiligt. Sie alle verkörpern für mich menschliche Umgänge mit Leiden und Gewalt. Menschliche Umgänge, die ich selbst in mir trage und, je nach Lebens-, Not- und Stimmungslage, aktiviere.

Der Teilnahmslose

Der Teilnahmslose, Gefühlstaube, Gleichgültige. Er wirkt wie im falschen Film, fehl am Platz, weiß nicht, was er hier eigentlich soll. Das Ganze geht ihn nichts an. Das Ganze scheint ihn fast zu langweilen. Er schaut irgendwo hin, nur nicht zum Zentrum des Geschehens. Das Gegenteil des modernen Gaffers. Und irgendwie auch sein Zwillingsbruder.

Der Brutale

Der Aggressive, der Befeuerer. Sein Ausdruck ist an Gewalttätigkeit und Bosheit kaum zu überbieten. Als hätte Jesus nicht schon genug Leid zu tragen, tritt er Jesus brutal ins Gesäß. Gewalt lässt sich scheinbar immer noch steigern. Gewalt um der Gewalt willen. Auch er sieht Jesus nicht direkt an, sondern wendet sein Antlitz denen zu, die das Bild betrachten. Noch trifft mich sein Blick nicht. Noch.

Der Ängstliche

Der Ängstliche, Verzagte, der gerne eingreifen und dem finsteren Treiben ein Ende setzen würde, aber sich nicht traut. Ein „vergib mir“ steht in seinen Augen und auf der gerunzelten Stirn. „Vergib mir meine Ohnmacht und meine Angst und meine Schwäche und dass die anderen so stark und brutal sind. Gegen die habe ich genauso wenig eine Chance wie Du.“

Der Hämische und der Routinierte

Es gibt auch die, die Spaß an Gewaltszenen haben und sich schadenfroh am Elend anderer laben. Besonders dann, wenn es die er­wischt, die am wenigsten damit rechnen müssen, so wie Jesus, den Einen Gerechten.

Andere machen nur ihren Job. Irgendwer muss den Gewalt-Job ja machen. Ob dem Linken im Bild egal ist, wenn er da zum Schaffott schleift?

Das unschuldige Kind

Das Kind. Das unschuldige Kind. Es steht ganz am Rand und im Schatten und geht unter dem Treiben der Erwachsenen unter. Es spürt als einzige Person mit Leib-Seele-Geist, wie entsetzlich und grausam es ist, was Jesus widerfährt. Es verschlägt ihm die Sprache. Vielleicht ist neben dem blanken Entsetzen sein Gedanke: So etwas darf nie wieder irgendwem unter der Sonne geschehen. Niemandem. Nie wieder.

Jesus

Und schließlich Jesus selbst. Er ist sichtlich gezeichnet von der Folter, von der Last des Kreuzes, von den Krallen seiner Krone, vom Tritt des Blindwütigen in seinem Rücken. Er blutet. Er schwitzt Tränen. Seine Augen sprechen Fassungslosigkeit, Kapitulation, Verzweiflung. Sein Blick und der Blick des Kindes berühren sich.

Er trägt die Schmach, die nicht zu begreifen ist. Sein Weg führt ihn aus der irdischen Stadt, die keine bleibende ist. Und die Hoffnung, dass es eine zukünftige Stadt für ihn geben wird, ist, jedenfalls in diesem Moment, verstorben.

 

Wie gehe ich um mit Gewalt? Wohin leite ich die Aggression, die in mir selbst steckt. Wohin meine Ohnmacht, meine Gleichgültigkeit, meine Routine, meine Schadenfreude, mein Entsetzen?

Das biblische Wort weist mich in die Nachfolge, an die Seite Christi. Dort ist im Zweifels- und im Ernstfall mein Platz. Dort.

Woher kommt mir Hilfe?

 

 

Lied zum Anhören: Komm vom Schatten ins Licht
Ich hab geträumt, es fallen Sterne. Nicht nur einer, nein, eine Billion.
Über allen Ländern dieser Erde eine Feuerwerksfunkenvision.
Ich hab gehört, dass heut ein Sturm kommt, weißes Rauschen statt Rockradio.
Über allen Städten frischer Regen, erste Tropfen auf meinem Balkon.
Eine Sprache, eine Liebe,egal, wer du bist, egal wo du bist: Eine Sprache, eine Liebe,egal, wie verloren du bist: Komm vom Schatten ins Licht.
Aus meinen Augen fallen Tränen. Aus dem Bach wird ein Fluss, wird ein Strom.
Alle Tage eines schweren Lebens fließen weiter und weiter davon.
Und durch die Straßen laufen Menschen, bunte Farben auf grauem Beton.
Und auf einmal höre ich sie singen, diesen alles verbindenden Ton.
Eine Sprache, eine Liebe ...

 

Einladung zum Gebet

Stille und Zeit für eigene Worte, die ins Gebet finden wollen

Du mein Gott.
Ich sehe Dein Leiden in Christus, in jedem Menschen, in jeder Kreatur. Du trägst das alles, heißt es. Trägst Du auch mich? Mich mit meiner Passion. Mich mit meinem Leiden. Mich mit meinen aggressiven Seiten.
Lass mich meinen Platz finden an Deiner Seite und in Dir.
Dazu stärke mich um Jesu willen.

 

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute,
und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

 

Segen

Gott segne Dich und behütet Dich. Gott lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig. Gott erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Frieden. Amen.