Vorneweg

Eigentlich sollte sie ja gestern Abend stattfinden, und eigentlich wollte ich die Andacht gestern für‘s Internet fertig gestellt haben, aber durch die Schließung der üblichen und die Eröffnung der neuen (und streckenweise doch ein wenig ungewohnten) Kanäle schaffe ich es erst jetzt.

Nimm Dir ein paar Minuten Zeit, setzt Dich bequem, zünde eine Kerze an. Leg, wenn Du magst, Deine Bibel bereit, falls Du den Bibeltext nicht in digitaler Form lesen willst.

Vielleicht bist Du es nicht gewohnt, Dich zu bekreuzigen, und magst es für Dich bei der Eröffnung der Andacht und beim Segen versuchen. Mir hilft das Bekreuzigen, weil für mich spürbarer wird, dass ich mit Christus mit Seele, Geist und Leib verbunden bin.

Für diese Andacht habe ich Lieder vom „Monatslied“-Projekt der Nordkirche zum Anhören und gerne auch Mitsingen ausgewählt.

Andacht zu Kolosser 1,15-20

Eröffnung

Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Einladung zum Gebet

Du Gott dieser Welt und aller Welten.

Ich bete zu Dir in dieser ganz anderen Zeit. Ich muss meine gewohnten Abläufe ändern. Ich kann Menschen nicht treffen, die ich gerne treffen würde. Das Leben steht still an vielen Stellen. Die Gemeinde kann sich nicht versammeln. Und niemand weiß wirklich, was wann wie weitergehen wird.

Stille und Zeit für eigene Bitten.

Ich bitte Dich: Halte Du mich fest, egal, was passiert. Lass mich nicht aus den Augen in meinen Sorgen, und lass meine Sorgen nicht zu groß werden. Und hilf mir, dass ich über mir selbst meine Mitmenschen nicht vergesse. Bitte sei da im Geiste Jesu Christi. Amen.

 

Lied zum Anhören: Wann kommt der Mut?

 

Biblische Lesung: Kolosser 1,15-20

15 Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung. 16 Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. 17 Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm. 18 Und er ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde. Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, auf dass er in allem der Erste sei. 19 Denn es hat Gott gefallen, alle Fülle in ihm wohnen zu lassen 20 und durch ihn alles zu versöhnen zu ihm hin, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.

 

Impuls

Mein Schöpfungsliebe-Thema war ursprünglich: Mobilität. Und als biblischen Text hätte ich mir ein Stück vom Auszug aus Ägypten oder eine eher unbekannt Stelle aus den Paulusbriefen genommen, wo Paulus seine weiteren Reisepläne mitteilt (zB 1Korinther 16). Denn die wirken etwas rastlos am bevorstehende Ende der Zeiten, mit dem Paulus täglich rechnete – und darin gleicht er uns mobilitäts- und reiselustigen Neuzeitlern auf eine sonderbare Weise.

Mobilität ist gewiss auch ein entscheidender Faktor, der den gegenwärtigen Krisenmodus mit verursacht hat. Mobilität verbreitet Wissen, Kultur, aber auch Krankheiten. Die indigene Bevölkerung der „Neuen Welt“ wurde nicht nur von einer traurigen europäischen Land- und Gold-Gier überschwemmt, sondern bittererweise auch von Krankheitserregern, gegen die ihr Immunssystem völlig machtlos war.

2020 macht die allgegenwärtige Mobilität der Menschen SARS-CoV-2 um einiges mobiler, als es eh schon ist. Und die modernen Menschen, die ihre technisch errungene Mobilität so gerne genießen, müssen auf die Bremse treten und sich in einem ungewohnten Zustand, der wie Erstarrung anmutet, erst zurechtfinden lernen. Neben all der berechtigen Sorgen um die bislang unabsehbaren Folgen der Krise, ist vielleicht seit langem einmal wieder die Zeit da, um einen Brief mit der Hand zu schreiben. Und auf die mit der Hand geschriebene Antwort zu warten. Das wäre für manche vermutlich sogar etwas ganz Neues.

Viel mehr jedoch als die Frage nach der Mobilität hat mich in den letzten Tagen das Problem beschäftigt, wie das mit der Schöpfungsliebe jetzt eigentlich gehen kann. Denn das Corona-Virus ist ein Teil der Schöpfung. Es gehört zu dieser Welt, von der ich glaube, dass sie etwas mit Gott zu tun hat und Gott mir ihr. Und es ist nicht so einfach, die ganze Schöpfung mit allem drum und dran zu lieben. Ich liebe dieses Virus nicht. Es sorgt für Sorgenfalten. Es weckt Angst, wenn nicht unbedingt um mich selbst, so doch um Menschen, die die Gewalt des Virus vielleicht mit ihrem Leben bezahlen, weil sie zu schwache Widerstandskräfte haben. Ein fröhliches Abendessen mit meinen Eltern und Kindern habe ich am Sonntag abgesagt.

An Spekulationen, dass Gott womöglich ein Virus schickt, um die Menschen zu prüfen oder zu strafen, beteilige ich mich nicht. Ich halte solche Spekulationen für unbarmherzig und für eine Form geistlichen Machtmissbrauchs. Ich glaube auch nicht, dass das Virus etwas mit einer bösen Macht zu tun hat, die sich in feindlicher Auseinandersetzung mit Gott und dem Guten befindet.

Aber wie geht das dann: Gott und die Schöpfung und das Virus zusammenzudenken? Geht das überhaupt?

Ich sage gleich: Ich weiß es nicht genau. Alles, was mir möglich ist, ist ein Versuch des Glaubens. Das Virus stellt mich, stellt uns in Frage. Es macht mir – wie vieles andere – bewusst, dass ich als sterbliches Lebewesen eigentlich permanent im Modus des In-Frage-gestellt-Seins lebe. Ich kriege das, was mich in Frage stellt, und vieles andere, was ich als widersprüchlich und rätselhaft empfinde, in mir nicht auf die Reihe. Widersprüche von innen nicht. Rätsel von außen nicht. Den eigenen Tod schon gar nicht. Aber ich spüre die große Seelensehnsucht, dass all das Rätselhafte und Widersprüchliche und Infragestellende in mir in den Trost findet und zur Ruhe kommt, zum Frieden, zur Versöhnung.

In den Zeilen des Kolosser-Textes finde ich eine Spur. Ein Angebot. Eine Einladung. Gott bleibt nicht unberührt von dem, was Menschen und was Leben in Frage stellt. Gott lässt sich berühren von den Widersprüchen und Rätseln und damit von der Fülle des Lebens. Gott lässt die Widersprüche und die Rätsel des Lebens durch Jesus Christus in sich wohnen, und gibt ihnen einem sicheren Ort. Und vielleicht kann darum das, was wir Gottes Allmacht nennen, am besten so verstanden werden, dass es allein an Gott ist und dass es alleine Gott schafft, alles Widersprüchliche und Rätselhafte auszuhalten und dann in sich aufzunehmen. Und damit mich. Und Dich. Und diese seltsame, wundersame, wunderschöne und immer wieder todtraurige Welt.

Diese Gewissheit aus Glauben macht die Welt nicht ungefährlicher und das Corona-Virus nicht harmloser. Aber ich werde ruhiger. Ein Stück weit wenigstens. Ich weiß mich in Gott geliebt. Als Teil seiner Schöpfung. Ich gehe nicht verloren.

 

Lied zum Anhören: Du glättest die Wogen

 

Einladung zum Gebet

Stille und Zeit für eigene Worte, die ins Gebet finden wollen

Du mein Gott.

Ich will mutig sein. Ich will mich verschenken können. Ohne Angst. Ohne Zögern. Oder Zaudern. Mich fallen lassen in mein Leben. Gerade in dieser eigenartigen Zeit.

Du weißt, das ist leichter gesagt als getan. Deshalb hoffe ich. Ich hoffe auf dich. Denn bei dir erlebe ich, was Liebe bedeutet. Du schenkst mir Mut. Du machst mich für mein Leben bereit. Ich hoffe auf dich, wenn ich ins Bodenlose falle. Dass Du dann da bist und mich auffängst und alle anderen, die sich ängstigen, sorgen, plagen.

 
Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute,
und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
 

Segen

Gott segne Dich und behütet Dich. Gott lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig. Gott erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Frieden. Amen.

 

Lied zum Anhören: Bis wir uns wiedersehen